Rund zwanzig Prozent aller in Deutschland Studierenden haben eine Behinderung oder chronische Krankheit, die sie in ihrem Studium einschränken. Der Begriff „Chronische Erkrankung“ ist hierbei definiert als eine ärztlich oder psychotherapeutisch attestierte Erkrankung, bei der im Attest eine eingeschränkte Studienfähigkeit bescheinigt ist. Die Hochschulen erweisen sich dabei nicht als barrierefrei, zumal die Hochschulverwaltung und die Lehrenden oft vergessen, dass Barrierefreiheit nicht gleichzusetzen mit „rollstuhlgerecht“ ist.

Die Liberalen Hochschulgruppen sehen vor allem in den Punkten Information und Beratung, Studierbarkeit der Prüfungs- und Studienordnungen, Finanzierung und BAföG und Barrierefreiheit Nachholbedarf, damit die Hochschulen für jeden zugänglich und absolvierbar sind.

Die Maßnahmen an der Universität zur Verbesserung der Studiensituation sind in enger Kooperation mit den entsprechenden Personen durchzuführen.

Informationen und Beratung

Schon in den ersten Wochen an einer Hochschule müssen die Studierenden auch ohne eine Beeinträchtigung auf Beratungs- und Informationsmöglichkeiten hingewiesen werden, denn die etwa ein Viertel der Studierenden mit Behinderung oder chronischen Krankheiten erwarben ihre Beeinträchtigung erst nach Studienbeginn. Studierende mit Beeinträchtigungen müssen insbesondere Beratungsangebote zur Studienfinanzierung bzw. Finanzierung des beeinträchtigungsbedingten Mehrbedarfes, zum Umgang mit längerer beeinträchtigungsbedingter Studienunterbrechung und zum Berufseinstieg gemacht werden. Auch eine psychologische Beratungsinstanz muss für Studierende mit Behinderung oder chronischer Krankheit zugänglich sein. Elementar ist dabei, dass die Studierenden diese Hilfe selbstverständlich und anonym erhalten, damit Hemmschwellen gesenkt werden können.

Studierende mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten sind in der Hochschulverwaltung immer individuell zu behandeln. Die Liberalen Hochschulgruppen sprechen sich für eine zentrale Vermittlungsstelle aus, die zu Beratungsterminen, Sprechstunden etc. hinzugezogen werden kann und die individuell für die spezifischen Belange zuständig ist.

Des Weiteren muss die Hochschule dafür Sorge tragen, dass die Lehrenden ausreichend für die Problematik sensibilisiert werden. Es darf nicht sein, dass Nachteilsausgleiche, der erfolgreiche Studienabschluss oder die allgemeine persönliche Lage von der Gunst der Lehrenden abhängig ist.

Die Studierbarkeit von Prüfungs- und Studienordnungen

Die Prüfungs- und Studienordnungen erweisen sich i.d.R. als zu starr und zu wenig flexibel, was zu einer massiven Studienzeitverlängerung, Intensivierung der Prüfungsbelastung führt. Die Liberalen Hochschulgruppen fordern Prüfungsordnungen mit weniger verbindlichen Vorgaben, sondern mit mehr Flexibilität hinsichtlich der Prüfungs- und Studiengestaltung, damit z.B. Prüfungszeiträume flexibler gestaltet werden können. Zusätzlich bestehen die Liberalen Hochschulgruppen auf eine Abschaffung der Anwesenheitspflichten und der Regelstudienzeit insbesondere für die betreffenden Personen.

Studierende mit Beeinträchtigung bedürfen häufig einer speziellen Aufarbeitung der Lehrmaterialien, wobei sich die Lehrenden auch an barrierefreien Open-Access-Optionen orientieren sollen und den Studierenden obligatorisch und selbstverständlich digital zur Verfügung gestellt werden müssen.

Eine besondere Liberalisierung der Prüfungsordnung ist dahingegen notwendig, als dass Studierende mit attestierten chronischen Erkrankungen und Behinderungen für Prüfungsleistungen, die sie aufgrund von diesen nicht ablegen können (z.B. Laborpraktika), äquivalente Prüfungen ablegen können, sofern die Arbeitssicherheit gewährleistet ist und dass mit dem angestrebten Studienabschluss eine Beschäftigung in diesem Berufsfeld möglich ist.

Finanzierung des Studiums und BAföG

Studierende mit Beeinträchtigung geraten schnell in einen „Teufelskreislauf“, da ihre Beeinträchtigung sie nicht plangemäß studieren lassen und sie so in Finanzierungsnöte geraten. Das BAföG darf für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten nicht mehr an Studienzeiten gekoppelt werden. Die Liberalen Hochschulgruppen weisen einmal mehr darauf hin, dass die BAföG-Anträge vereinfacht und die Förderungen transparenter werden müssen. Für Studierende mit attestierter chronischer Erkrankung oder Behinderung, die zu einer Beeinträchtigung des Studiums führt, darf es keine Langzeitstudiengebühren geben. Wenn krankheitsbedingt ein Urlaubssemester beantragt wird, dürfen die Zahlungen des BAföG-Amtes nicht eingestellt werden. Für die Antragsteller ist eine besondere Beratung und Hilfestellung bei dem Ausfüllen der Formulare zu stellen.

Barrierefreiheit

Die Hochschulen müssen barrierefrei werden. Insbesondere bei Aufzügen, Rampen und entsprechenden sanitären Einrichtungen und deren Mehrbedarf müssen die Hochschulen nachrüsten. Sie müssen so selbstverständlich zum Bild der Hochschule gehören, dass Studierende ihre Beeinträchtigung nicht gleich offenbaren müssen, indem sie z.B. nach dem Schlüssel für die rollstuhlgerechte Toilette fragen müssen. Damit beeinträchtigte Studierende nicht bei alltäglichen Tätigkeiten behindert werden, sollen flächendeckend Schließanlagen an beispielsweise Hygienebereichen installiert werden, die nur dem Euroschlüssel zu öffnen sind. Des Weiteren sind schwere Türen zu vermeiden und möglichst auf automatische Türen umzustellen. Aber auch was die Akustik, Farbunterschiede zwischen Wänden und Türen, Belüftungssysteme, die Bestuhlung der Lehrräume betrifft sehen die Liberalen Hochschulgruppen Nachholbedarf. Wenn Studierende längere Prüfungszeiten genehmigt bekommen, sollen sie auch die Ruheräume dafür zur Verfügung erhalten. Wer eine halbe Stunde länger eine Klausur schreibt, braucht auch in den letzten dreißig Minuten die Ruhe dafür. Ebenso müssen die Mensen allergikerfreundlicher ausgestattet werden, in dem sie z.B. alle Lebensmittel ausreichend deklarieren, die Speisen einzeln und glutenfreies Essen anbieten.


Gehörlose

Wie viele Bereiche unseres Lebens sind auch Hochschulen darauf ausgelegt, dass wir einander hören können. Professoren, die anstelle einer Präsentation oder einem erklärenden Text ausschließlich darauf setzen, dass man ihre Aussagen mitschreibt sind allerdings ein Albtraum vor allem für gehörlose Studierende. Den Inhalt dieser Vorlesungen erfassen zu können ist dabei nur eins der zahlreichen Probleme. Neben den normalen Umstellungen, die ein Studierender mit Beginn seines Studiums bewältigen muss, sehen sich Gehörlose mit einem hohen bürokratischen Aufwand konfrontiert. Hinzu kommen uninformierte Dozenten, Hochschulmitarbeiter und Kommilitonen, was zu sozialer Exklusion führen kann.

Die Liberalen Hochschulgruppen möchten unangemessene bürokratische Hürden abbauen und für mehr Verständnis an Hochschulen sorgen. Anstelle der momentan benötigten Beantragung des Nachteilsausgleiches in jedem Semester, fordern die Liberalen Hochschulgruppen, dass die Beantragung des Nachteilsausgleiches nur im ersten Semester notwendig ist. Ein erneuter Antrag muss erst gestellt werden, wenn das Studienfach oder die Hochschule gewechselt wird, oder der Studierende zu einem anderen Abschluss übergeht. Maßnahmen des Nachteilsausgleich müssen sich auch auf Praktika, Exkursionen und im Studium verpflichtende Auslandsaufenthalte erstrecken können. Generell ist es geboten Inklusionsfragen jeglicher Art bereits bei der Erstellung von Modulhandbüchern zu berücksichtigen. Um einen angenehmen Start ins Studium zu ermöglichen, möchten die Liberalen Hochschulgruppen den Genehmigungsprozess
beschleunigen.

Für die Beantragung eines Gebärdensprachedolmetschers müssen Studierende ihre Finanzen genauso darlegen, wie es bei der Beantragung des BAföGs der Fall ist. Die Liberalen Hochschulgruppen halten das für unangemessen und fordern, dass alle Studierende die einen Gebärdensprachedolmetscher beantragen und nachweislich für ihr Studium benötigen, diesen unabhängig von ihrem Einkommen, das der Eltern oder des Partners finanziert bekommen. Im Optimalfall soll dieser unbürokratisch durch die Hochschule gestellt werden.

Um den Beruf des Gebärdensprachedolmetschers attraktiver zu machen und mehr Menschen dazu anzuregen sich für diesen Beruf zu entscheiden fordern die Liberalen Hochschulgruppen zum einen den Ausbau der Studienplätze in diesem Fach und zum anderen den Wegfall der Preisbindung für Gebärdensprachedolmetscher. So soll das Angebot an Gebärdensprachendolmetschen erhöht werden, was der Qualitätssicherung dient.

Die studentische Selbstverwaltung ist ein elementarer Bestandteil der Hochschulorganisation und darf keinem Studierenden verwehrt bleiben. Die Liberalen Hochschulgruppen fordern die Ausweitung der Dolmetschertätigkeit an Hochschulen auf die Bereiche der studentischen Selbstverwaltung. Eine Person, die für ihre Lehrveranstaltung einen Dolmetscher genehmigt bekommt, soll die Möglichkeit haben, diese Leistung auch auf Gremienarbeit auszuweiten.

Gehörlose Studierende stoßen in ihrem Hochschulalltag auf Unverständnis und nicht notwendige Barrieren, die durch die Sensibilisierung der Mitarbeiter, insbesondere der Dozenten, behoben werden können. Hochschulen sollen deswegen Informationsmaterial und Leitlinien für den Umgang mit gehörlosen Studierenden zur Verfügung gestellt bekommen. Diese sollen die Bedürfnisse der Studierenden beinhalten und Vorschläge machen wie eine Lehrveranstaltung angepasst werden kann, um sicher zu stellen, dass gehörlose Studierende diesen problemlos folgen können. Des Weiteren fordern die Liberalen Hochschulgruppen mehr Aufklärung für besonders relevante Studienfächer. Menschen, die einen Studiengang im sozialen oder medizinischen Bereich verfolgen sollen im Rahmen eines Wahlpflichtbereichs die Möglichkeit bekommen sich mit der Situation gehörloser Menschen zu beschäftigen und die für ihr Fach relevanten Gebärden zu erlernen.

Äquivalent zur Gallaudet University in den USA soll für den deutschsprachigen Raum eine öffentliche Hochschule für Gehörlose eingerichtet werden. Unterrichtet werden sollen zu Beginn vor allem Fächer im sozialen Bereich. Ziel ist die Ausweitung dieser Hochschule auf eine Volluniversität. Jegliche Mitarbeiter, mit denen die Studierenden einen regelmäßigen Kontakt pflegen müssen, sollen der deutschen Gebärdensprache mächtig sein. Das gilt insbesondere für unterrichtendes Personal.


Blinde

Die Welt ist für die Sehenden gemacht. Das gilt auch für unsere Hochschulen, in denen Orientieren, Lernen und Kommunizieren auf Personen ohne Sehbehinderung ausgerichtet sind. Menschen, die eine eingeschränkte Sehfähigkeit haben oder blind sind, haben Hürden im Hochschulalltag, die bisher nur mit großer Mühe zu umgehen sind. Die Liberalen Hochschulgruppen sehen die Problematiken in unserer Hochschullandschaft und setzen sich für den Abbau dieser Hürden ein.

Schon der Weg zur Vorlesung stellt eine Person mit eingeschränkter Sehfähigkeit vor deutlich mehr Herausforderungen als einen Studierenden mit Sehvermögen. Die Ausschilderung der Räume, der Gebäude und der Wege sind in aller Regel nicht zusätzlich mit Brailleschrift versehen. Die Liberalen Hochschulgruppen fordern Wege für sehbehinderte Menschen, die sowohl Bodenmarkierungen und als auch Brailleschrift und merkliche Schrift lateinischer Buchstaben auf den Schildern beinhalten. Ein Lageplan der Gebäude und der Räume innerhalb der Gebäude soll zugänglich gemacht werden.

Während einige Hochschulen eine Vorreiterrolle in der Barrierefreiheit einnehmen, kommen andere nur langsam voran. Die Liberalen Hochschulgruppen fordern eine Auswertung der bisher von deutschen Hochschulen ergriffenen Maßnahmen, damit diese zum einen denjenigen Studierenden zugänglich gemacht werden können, für die die Barrierefreiheit ein Faktor bei der Wahl des Hochschulstandorts ist und zum anderen soll mithilfe der Best-Practice-Modelle ein bundesweiter Aktionsplan für Hochschulen erstellt und eine entsprechende Förderlandschaft aufgebaut werden. Neben den Maßnahmen, die an der gesamten Hochschule durchgeführt werden können, sollen die einzelnen Fächergruppen auf ihre Barrierefreiheit untersucht werden. Sollte eine Fachgruppe besonders schlecht abschneiden, ist eine Kommission einzurichten, die die Gründe erörtert und Lösungsvorschläge vorlegt.

Menschen mit einer Sehbehinderung müssen in den Bibliotheken die Möglichkeit angeboten bekommen, ihre Medien gebührenfrei einzuscannen oder einscannen zu lassen. Sich in der Hochschule befindliche Computer sollen mit Software ausgestattet werden, die das Vorlesen der Medien ermöglicht. Auch die Lehrmittel sollen grundsätzlich so aufbereitet werden, dass sie mit der Software, die sich auf den Computern der Hochschulen befindet, verwendbar sind.

Härtefallanträge sollen vereinheitlicht werden, sodass Studierende sich bei einem Wechsel der Hochschule nicht an jeder Hochschule mit einem komplett neuen Antrag befassen müssen. Nach Vereinheitlichung soll bei Vorliegen eines ärztlichen Attestes über das Fortbestehen der Sehbehinderung die Regelung einer vorherigen Hochschule übernommen werden. In diesem Prozess soll direkt eine Verschlankung des Antragsprozesses vorgesehen werden, sodass Anträge leicht auszufüllen sind.

Für Prüfungen muss das Equipment, das für sehbehinderte Personen benötigt wird, spätestens angeschafft werden, sobald eine Person, die dieses benötigt, sich immatrikuliert. Eine Verzögerung der Prüfungsleistung oder Unsicherheit für den Prüfling dürfen nicht zustandekommen. Sollte eine Verzögerung aufgrund eines nicht vorhandenen Hilfsmittels bei einer Prüfung entstehen, wird das Semester nicht für die Regelstudienzeit gerechnet, sodass der Studierende beim Bezug des BAföG keinen Nachteil erfährt.

Eine Assistenz ist für viele Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung eine Notwendigkeit für ein erfolgreiches Studium. Die Bewilligung einer Assistenz darf nicht vom Geldbeutel abhängig gemacht werden, Vermögen soll nicht angerechnet werden.